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Forschung zu Geoengineering

Veranstaltung

Forschung zu Geoengineering

Timeloc
28. Juni 2010
Berlin
Deutschland

Dr. Camilla Bausch und Benjamin Görlach vom Ecologic Institut und Dr. Susanne Dröge von der Stiftung Wissenschaft und Politik haben Ende Juni 2010 zum 15. Climate Talk eingeladen. Thema des Abends war die Forschung zu Geoengineering, die notwendigen Rahmenbedingungen und Begrenzungen. Impulsreferate von Ralph Bodle (Ecologic Institut), Elmar Kriegler (Potsdam Institut für Klimafolgenforschung) und Friederike Herrmann (Umweltbundesamt) bereiteten den Boden für eine lebhafte Debatte.

„Geoengineering“ – die gezielte Veränderung des Klimas durch menschliche Eingriffe – wird gelegentlich als Antwort auf den Klimawandel ins Feld geführt. Allerdings sind sowohl die technische Machbarkeit als auch die möglichen Nebenwirkungen bislang nur in Ansätzen erforscht. Auch wenn „Geoengineering“ begrifflich nicht eindeutig definiert ist, lassen sich verschiedene technische Varianten unterscheiden. Dazu gehören die Beeinflussung der natürlichen CO2-Kreisläufe, z.B. durch Meeresdüngung oder künstliche Photosynthese, die Erhöhung der Sonnenreflektion in der Atmosphäre (solar radiation management), z.B. durch Einbringen von Partikeln in die Atmosphäre oder durch die künstliche Bildung von Wolken, oder der Ausbau heller Flächen, die die Sonneneinstrahlung reflektieren (Albedo).

Die Mehrzahl der Varianten des Geoengineering ist mit großen Unsicherheiten und Risiken behaftet und diese beginnen bereits mit ihrer Erforschung. Einen spezifischen Rahmen für die Geoengineering-Forschung gibt es bisher jedoch nicht, weder national noch international. Der Climate Talk hat darüber diskutiert, ob und wie die Forschung zu Geoengineering begrenzt werden muss oder sollte, bzw. welche Rahmenbedingungen sinnvoll erscheinen. Die Frage, wie ein solcher Rahmen aussehen könnte, zieht unweigerlich eine Reihe von Fragen nach sich. Dies reicht von völkerrechtlichen Aspekten (wer definiert den Rahmen, wer überwacht seine Einhaltung, und was passiert bei Verstößen), über moralische Fragen (gibt es eine moralische Verpflichtung, angesichts des Klimawandels über alle Optionen nachzudenken?), bis hin zu politischen Strategien im Umgang mit Geoengineering (können wir durch Forschung zu Risiken und Nebenwirkungen helfen, die Diskussion frühzeitig zu versachlichen, auch, um Rufen nach Eingriffen in das Erdsystem entgegen treten zu können, die angesichts von Extremereignissen zunehmen könnten?).

Ralph Bodle (Ecologic Institut) erläuterte die Überlegungen zum Regulierungsbedarf für die Forschung zum Geoengineering. Für den Regulierungsbedarf gibt es mehrere Gründe. Zum einen kann bereits die Geoengineeringforschung – ggf. nicht absehbare – grenzüberschreitende Folgen für die Umwelt und für Naturphänomene haben. Hier kommen auch ethisch-moralische Fragen zum Tragen. Zum anderen können selbst Forscher ein Interesse an koordinierender Regulierung haben: Bei großflächigen Versuchen verschiedener Forscher ist ansonsten nicht unbedingt feststellbar, auf wessen Versuch die Ergebnisse beruhen. Dem gegenüber steht der Wunsch nach Forschungsfreiheit. Derzeit besteht keine einheitliche oder gar globale Regulierung speziell für Geoengineering. Dennoch existieren bereits relevante generelle Prinzipien und Regulierungen. Zu diesen gehören z.B. die Haftungsregeln im Umweltrecht, oder das Weltraumrecht. Manche dieser Regelungen sind jedoch retrospektiv, d.h. sie wirken erst, nachdem ein Schaden entstanden ist. Unklar ist, wie die Forschung und Anwendung der Geoengineering vorbeugend geregelt und so Schäden oder irreversible Wirkungen verhindert werden können. Spezifische Forschungsregulierungen gibt es bereits, zum Beispiel zur Nukleartechnologie und zur Gentechnik, sowie eine Diskussion zur Nanotechnologie. Diese könnten Vorbild sein oder Anhaltspunkte geben für eine Regulierung der Geoengineeringforschung. Sofern eine allgemeine Definition des Geoengineering und entsprechende Regelung nicht möglich oder sinnvoll sind, muss technikabhängig vorgegangen werden, d.h. für die einzelnen technischen Maßnahmen (Eingriff in die Atmosphäre, in die Wasserhaushalte o.ä.) spezifische Ansätze gefunden werden. Eine Regulierung könnte sowohl ex ante als auch ex post Elemente umfassen. Nicht zuletzt müsste die internationale Forschungsregulierung an eine geeignete Institution angebunden sein.

Elmar Kriegler (PIK) hob hervor, dass Geoengineering vor dem Hintergrund des ohnehin schon großen Eingriffs des Menschen in das Klimasystem zu diskutieren ist. Geoengineering zielt allerdings auf die absichtliche Veränderung der Klimabedingungen ab. Es ist zu fragen, inwieweit das Geoengineering in den Kontext der Treibhausgasvermeidung als auch der Anpassung an den Klimawandel diskutiert werden darf, oder ob druch die Größe der Risiken und moralische Bedenken kategorische Unterschiede bestehen. In der Debatte in den USA schwingt nach seiner Wahrnehmung häufig eine unterschwellige Annahme mit, dass ohne Geoengineering das Klimaproblem nicht lösbar erscheint. Dieses gilt es zu hinterfragen. Ein Vorschlag für die Diskussion um eine Definition wäre, alle Verfahren, die die Wirkung von den bereits vorhandenen Treighausgasen zu kompensieren suchen, im weitesten Sinne als Geoengineering zu bezeichnen. Alle Verfahren, die die Emission der Treibhausgase zu verhindern suchen, wären den Vermeidungstechnologien zuzuordnen.

Die unterschiedlichen technischen Verfahren des Geoengineering, lassen sich in zwei Kategorien einordnen. Eingriffe in den Kohlenstoffkreislauf und in den Strahlungshaushalt. Darüberhinaus bestehenUnterschiede in den Kosten, den Wirkungsrisiken und der Wirkungsdauer. Ist letztere gering, könnte eine - ebenfalls risikobehaftete - Notwendigkeit entstehen, die Anwendung laufend zu wiederholen. In der Forschung zu Geoengineering kann zur Abschätzung von Risiken mit computergestützten Simulationen gearbeitet werden. Diese Art der Forschung ist risikoarm. Das Verständnis über die Verfahren kann aber nur unter realen Bedingungen verbessert werden und die Aussagekraft kleinskaliger Feledexperimente dürfte begrenzt sein. Eine internationale Regulierung erscheint daher notwendig, auch, damit Länder, die von solchen Tests betroffen wären, überhaupt eine Möglichkeit haben, Einfluss zu nehmen. Zudem kann nicht ausgeschlossen werden, dass es zu einem technischen Wettlauf in der Geoengineeringforschung kommt und gefährliche Auswirkungen auf Drittländer dabei nicht mehr angemessen berücksichtigt werden.

Friederike Hermann (UBA), betonte, dass vor allem die Einsetzbarkeit von und die Einschätzungen zu den Effekten von Geoengineering unklar sind. Ideen, mit technischen Anwendungen den Klimawandel aufzuhalten, stehen überwiegend erst am Anfang. Bisherige Tests haben vor allem gezeigt, wie wenig wir wissen und wie groß die Unsicherheiten sind. Auch Frau Hermann hob hervor, dass sich die Geoengineering-Ideen sehr stark unterscheiden. Ein Kriterium für die Bewertung sollten die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt sein. Frau Herrmann wies darauf hin, dass Geoengineering als Option immer mehr Anklang in der Politik finden könnte. Zudem mangelt es – ähnlich wie bei anderen großtechnischen Debatten – an einem gesellschaftlichen Konsens und der Klärung ethisch-moralischer Fragen. Für die Gestaltung eines Regulierungsrahmens könnte im internationalen Kontext eine Pflicht zum Austausch über Forschungsmaßnahmen erwogen werden. Wo dieser Austausch institutionell angesiedelt werden könnte, ist jedoch schwer zu beantworten. Auf nationaler Ebene könnten Forscher verpflichtet werden, Risiko-Bewertungen vorzunehmen; ggf. bedarf es hier auch einer Begleitforschung.

In der anschließenden intensiven Diskussion wurde eine Vielzahl weiterer Fragen formuliert. Hierzu gehörte die Frage, wann eine Auseinandersetzung mit dem Geoengineering sowie seiner Erforschung beginnen sollte. Viele Teilnehmer teilten die Ansicht, dass diese Auseinandersetzung jenseits der bestehenden Foren in dem Dreieck aus Öffentlichkeit, Politik und Forschung geführt werden sollte. Es wurde ein Mangel an kritischer Diskussion über Risikotechnologien in Deutschland beklagt und die Frage aufgeworfen, warum die Debatte des Geoengineering in Europa tendenziell tabuisiert wird, während sie in den USA deutlich positiver besetzt ist. Es wurde darauf hingewiesen, dass gerade das Argument der unabwägbaren Risiken des Geoengineering von Forschern als Grund für mehr Forschungsaktivitäten genutzt wird. Die Gefahr, dass die Diskussionen zu einer weiteren „Ideologisierung“ des Geoengineering und der Klimadebatte führen könnte, wurde ebenfalls benannt.

Eine weitere Frage war, in welches Verhältnis die Bemühungen um den Klimaschutz und die Anpassung an den Klimawandel mit der Geoengineering-Forschung stehen oder gestellt werden sollten.

eoengineering ist als Option Teil einer Systemdebatte, z.B. zur Veränderung der Energieversorgung. Im Anbetracht begrenzter Forschungsgelder und –kapazitäten kann dies bedeuten, dass mehr Forschung zu Geoengineering, gleichzeitig weniger Forschung zur Systemtransformation hin zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft bedeutet. Eine Regulierung könnte ggf. auch in dieser Hinsicht einen sinnvollen Beitrag leisten, indem die Zielrichtung eingegrenzt würde.

Für eine Forschungsregulierung würde die nationale Ebene als erste Anlaufstelle sinnvoll sein (auch vor dem Hintergrund des Zeitdrucks und als politisches Zeichen), aber letztlich muss ein internationaler Konsens hergestellt werden.

Der Abend fand „unter Fußball-WM-Bedingungen“ am Ludwigkirchplatz seinen Ausklang.


Veranstalter
Sprecher
Elmar Kriegler (Potsdam Institut für Klimafolgenforschung)
Friederike Hermann (Umweltbundesamt)
Team
Datum
28. Juni 2010
Ort
Berlin, Deutschland
Sprache
Englisch
Teilnehmerzahl
30
Schlüsselwörter
Geoengineering, climate engineering, Völkerrecht, Regulierung, Forschung, Klima, Innovation, internationale Beziehungen, Vorsorgeprinzip, Haftungsregeln, Teilhaberecht, Umweltschäden, Informationspflicht, Chemikalien